#gleichrichtigmachen

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Nachhaltigkeit schwer gemacht
Teil 2: Reparaturverleugnung

18. Juli 2023

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Full Flamingo

Unser Ziel bei Full Flamingo ist es, dass möglichst viele Menschen einfacher nachhaltiger leben können. In den letzten Wochen hatte ich zwei Erlebnisse, die wieder gute Beispiele dafür sind, dass es einem schwerer als nötig gemacht wird, sich nachhaltig zu verhalten. Deshalb schreibe ich diesen Artikel.

Beide Erlebnisse sind nahezu identischer Natur und haben damit zu tun, dass Austausch statt Reparatur immer noch zu häufig auf der Tagesordnung steht, weil er wirtschaftlichen Interessen dient. So bleibt Reparatur für viele Menschen trotz bester Vorsätze eine Illusion!

Oft ist es ja leider so, dass Hersteller ihre Produkte so bauen, dass sie nicht leicht repariert werden können. Diesem Trend wird das Right to repair etwas entgegensetzen. Darum geht es hier aber explizit nicht.

Es kann aber auch zu Problemen kommen, selbst wenn eine Reparatur möglich wäre oder vom Hersteller sogar aktiv mit Ersatzteilen unterstützt wird. In vielen Fällen ist eine Reparatur aber technisch so anspruchsvoll, dass das handwerkliche Geschick von Privatpersonen nicht ausreicht oder sie sich nicht rantrauen. Dann führt einen der Weg zu Handwerksbetrieben, in der Hoffnung auf eine zeitnahe Reparatur mit angemessenen Kosten.

Aus Sicht von uns Besitzern von Produkten, Geräten oder Dingen ist meist intuitiv klar, dass Reparatur die kostengünstigste und gleichzeitig auch nachhaltigste – weil ressourcen-schonendste – Lösung ist. Aus Sicht von Herstellern oder Handwerkern ist leider der Austausch meist die profitabelste Lösung und damit genau entgegengesetzt zum Ziel der Nachhaltigkeit. Ungünstigerweise ist man diesen aber oft recht machtlos ausgeliefert!

Fall 1: Reparatur des Garagentors

Wir haben ein elektrisch betriebenes Rolltor an der Garage. Kürzlich ging das Steuergerät in den Fehlermodus und das Tor konnte nicht mehr betrieben werden. Laut hinzugerufenem Handwerksbetrieb war das Steuergerät defekt und musste ausgetauscht werden. Nach dem Austausch war das Problem aber immer noch das Gleiche. Nun wurde die Diagnose gestellt, das Tor sei in Gänze kaputt und nicht mehr reparierbar, wir bräuchten ein komplett neues Tor für mehrere Tausend Euro. Ein aufmerksamer Mitbewohner hat dann nach eigener Fehleranalyse festgestellt, dass das eigentliche Problem ein ganz anderes war: Die Motoraufhängung hatte sich gelöst und musste lediglich wieder festgeschraubt werden.

Leider ist man hier völlig verlassen, wenn man sich auf den Fachbetrieb verlässt. Ob die Kernursache hier im Profitstreben oder in mangelnder Kompetenz liegt, lässt sich leider nicht abschließend klären. Klar ist jedoch, dass viel zu hohe Kosten entstanden sind und beim Befolgen der Ratschläge noch viel höhere Kosten entstanden wären. Außerdem haben wir jetzt unnötigerweise ein neues Steuergerät verbaut, für dessen Herstellung Ressourcen eingesetzt werden mussten, die hier nicht nötig waren.

Fall 2: Reparatur der Haustür

Zufällig gab es fast zeitgleich das gleiche Problem mit unserer Haustür. Unser Nachbar hatte darüber hinaus auch exakt das gleiche Problem mit seiner baugleichen Haustür und so konnte man ausnahmsweise mal einen direkten Vergleich ziehen. Das Problem war bei uns beiden folgendes: Nachdem man mit dem Schlüssel die Tür aufgeschlossen hatte, blieb die Falle (der bewegliche Teil am Schloss, der einschnappt und die Tür geschlossen hält) hängen und die Falle schloss erst wieder, nachdem man den Türgriff gedrückt hatte.

Mein Nachbar rief einen Handwerksbetrieb an. Diagnose: Kann nicht repariert werden. Das bedeutete konkret, dass die komplette Schließleiste mit dem eigentlichen Schloss und weiteren Verriegelungen ausgetauscht werden musste. Die Schließleiste musste sogar maßgefertigt werden, weil es keine mit diesen Maßen als Standard gäbe. Auch auf Nachfrage wurde die Möglichkeit zur Reparatur oder die Möglichkeit nur das Schloss zu ersetzen verneint.

Komplette Schließleiste mit Schloss und weiteren Verriegelungen (210 cm Gesamtlänge)

Kurz darauf hatte ich mit meiner Haustür das gleiche Problem und habe die Schließleiste samt Schloss ausgebaut und nach dem Fehler gesucht. Tatsächlich hat sich im Schloss recht bald ein kleines Metallteil als der Übeltäter abgezeichnet: Die sogenannte Drückernuss. Den Begriff hatte ich vorher nie gehört und ich hatte auch noch nie ein Schloss zerlegt. Nach einiger Recherche im Internet über aufgedruckte Nummern konnte ich einen Versender finden, der exakt dieses Ersatzteil verschickt. Inklusive Versand hat es mich knapp 20 Euro gekostet und war nach 2 Tagen bei mir und ich hatte es schon eingebaut. Seitdem funktioniert wieder alles so wie es soll.

Drückernuss: Das einzige hier abgenutzte Teil, das einfach ersetzt werden kann zur Reparatur (ca. 4cm Durchmesser)

Mein Nachbar wartete hingegen viele Wochen auf die Reparatur seiner Tür, bis das maßgefertigte Teil eingebaut war (zwischenzeitlich fiel noch beim ersten Einbauversuch auf, dass falsch gemessen wurde und es ging alles noch mal von vorne los).

Natürlich kann und will nicht jeder selbst seine Tür reparieren. Wenn allerdings ein Handwerksbetrieb gerufen wird, dann will man sich doch darauf verlassen, dass man eine fundierte und fachlich richtige Auskunft bekommt. Es wäre ja auch OK, wenn der Handwerksbetrieb die Alternativen aufzeigt und eventuell von der Reparatur abrät, weil vielleicht andere Teile im Schloss auch schon zu sehr abgenutzt wären. Im konkreten Fall hätte es aber sogar noch eine Zwischenlösung gegeben und es hätte auch nur das Schloss statt der ganzen Schließleiste ausgetauscht werden können, wie sich später bei einer genaueren Recherche herausstellte.

Auch hier bin ich frustriert: War es Profitstreben oder Inkompetenz? Nicht zu klären, aber beides hinterlässt keinen guten Eindruck. Letztlich kam ich günstig davon, aber mein Nachbar wird viel zu viel bezahlt haben und ich konnte ihm leider mit meiner Reparaturerfahrung nicht helfen, weil er das Problem etwas früher hatte.

Zusätzlich zu seinen viel zu hohen Ausgaben wurden auch hier Ressourcen verschwendet, weil ein weitgehend noch intaktes Teil durch ein neues ersetzt wurde. Und als sei das nicht schlimm genug, musste durch Inkompetenz beim Ausmessen sogar doppelt produziert werden und so wurden noch mehr Ressourcen verschwendet …

Und was bedeutet das für Nachhaltigkeit?

Es gibt natürlich auch absolut verlässliche Handwerksbetriebe und auf die lasse ich nichts kommen. Hier hatten wir aber in wenigen Wochen gleich zwei Fälle, wo es nur Anlass zur Enttäuschung gab.

Als Laie kann man die Möglichkeit zur Reparatur oft nicht einschätzen, fragt aber nach der Reparatur. Wenn dann die Möglichkeit zur Reparatur verleugnet wird, obwohl es möglich wäre, dann bleibt man auf hohen, unnötigen Kosten sitzen.

Gleichzeitig ist es aber immer auch ein Nachhaltigkeitsproblem, wenn Gegenstände, die einfach repariert und weiter genutzt werden könnten, durch neue ersetzt werden, nur weil die Reparierbarkeit nicht erkannt oder gar verleugnet wird.

Reparatur muss wieder mehr in den Fokus rücken, denn das beste Right to repair und das bestreparierbare Produkt nützen nichts, wenn die Reparatur nicht durchgeführt wird.

Matthias

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